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Kritik am neuen Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung

Das Eine Welt Netzwerk Hamburg schließt sich der Kritik zahlreicher entwicklungspolitischer Gruppen und Wissenschafter_innen an, die zu dem Ergebnis kommen, dass der Orientierungsrahmen - auch im Entwurf seiner Neufassung - seinem eigenen Anspruch und Ziel einer transformativen Bildung nicht gerecht wird. Stattdessen ist der Orientierungsrahmen in seiner aktuellen Form als Produkt der weißen bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft erkennbar, der wiederum nur eine weiße bürgerliche Mehrheitsgesellschaft als Zielgruppe mitdenkt.

Link: Offener Brief an die Mitglieder der gemeinsamen Arbeitsgruppe der KMK und des BMZ zur Überarbeitung des Orientierungsrahmens

Der "Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung" (OR) ist ein zentrales Referenzdokument für (außer-) schulische Aktivitäten des Globalen Lernens und der Bildung für Nachhaltige Entwicklung. In den letzten beiden Jahren wurde der Orientierungsrahmen von einer Arbeitsgruppe überarbeitet und erweitert. Am 3.- 4. September findet in Bad Honnef eine KMK-BMZ-Fachtagung zur Neuauflage des OR statt.

Link: Aktualisierte und erweiterte Neuauflage des Orientierungsrahmens

Unsere Forderungen

  1. Migrantisch-diasporische und zivilgesellschaftliche Fachleute sowie Expert_innen aus dem globalen Süden müssen mit ihren unterschiedlichen Perspektiven aktiv und maßgeblich in die Überarbeitung des Orientierungsrahmens einbezogen werden. Ihre mündlichen oder schriftlichen Beiträge sind namentlich zu erwähnen und sollten Bestandteil der Literaturliste und der Quellenangaben sein.
  2. Der Orientierungsrahmen muss dahingehend überarbeitet werden, dass eine gender- und diskriminierungssensible (An-)Sprache benutzt wird, die die Realitäten in Deutschlands Klassenzimmern und in seiner Zivilgesellschaft zur Kenntnis nimmt und aktiv alle Schüler_innen (unabhängig von Herkunft, Schicht, Religion und legalem Status usw…) als Zielgruppe mitdenkt. Die Kernkompetenzen müssen so formuliert werden, dass sie nicht zu Herrschaftskompetenzen werden, sondern unterschiedliche Positionierungen berücksichtigen und zur Verringerung von Ungleichheit beitragen.
  3. Die theoretische Rahmung des Orientierungsrahmens muss seine ideologischen Grundlagen kenntlich machen, sich von seiner hegemonialen Perspektive verabschieden und Alternativen zum Entwicklungsparadigma und zum dominanten Nachhaltigkeitsdiskurs thematisieren.
  4. Analysekategorien wie Gender, Klasse und "Rasse" müssen mitgedacht werden. Kapitalismus und Neoliberalismus als herrschende Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme müssen benannt und kritisch behandelt werden.
  5. Der Orientierungsrahmen muss die Geschichten von Versklavung, kolonialer Gewalt, Rassismus und wirtschaftlicher Ausbeutung, aber auch von Selbstbehauptung und Widerstand aufgreifen und dazu ermutigen, die 500-jährige - auch deutsche - koloniale Geschichte als unmittelbar die Gegenwart betreffend zu verstehen. Nur so kann globalhistorisches Verantwortungsbewusstsein entwickelt werden, aus dem heraus im Sinne einer "restorative justice" gehandelt werden kann.
  6. Der Orientierungsrahmen muss seinem Anspruch, transformative Bildung zu ermöglichen, auch in der Formulierung von Handlungsoptionen gerecht werden. Dafür sollte allen an Schule Beteiligten ein Zugang zu emanzipatorischem Wissen und gesellschaftsverändernden Handlungsoptionen ermöglicht werden, um ihre Entwicklung zu mündigen und kritischen Menschen zu fördern.
  7. Sollen die im Orientierungsrahmen postulierten Ansprüche erfüllt und mit dem Werk tatsächlich zu einer gerechteren Welt beigetragen werden, kann der Überarbeitungsprozess nicht wie geplant bis Ende 2014 abgeschlossen werden. Vielmehr muss dieser Prozess unter Berücksichtigung der hier aufgeführten grundsätzlichen Defizite noch einmal neu und ergebnisoffen aufgerollt und in einen weitaus breiteren und kontinuierlichen gesellschaftlichen Dialog überführt werden.